Fachverband für Soziale Arbeit, Strafrecht und Kriminalpolitik

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DBH-Materialien Nr.74
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Evaluation des Justizvollzugs - Untersuchung von Prof. Entorf

Zwei Jahre lang hat der Frankfurter Professor Horst Entorf 1800 Häftlinge befragt. In einer Langzeitstudie hat der Ökonom Daten über die Lage in Deutschlands Gefängnissen gesammelt. Die Ergebnisse des Projekts hat Horst Entorf jetzt zusammen mit Susanne Meyer und Jochen Möbert in dem Buch „Evaluation des Justizvollzugs“ dargestellt.
„In Deutschland wissen wir bislang erschreckend wenig über Kosten und Nutzen des Strafvollzugs“, so Entorf. Bislang beschäftigen sich hierzulande hauptsächlich Kriminologen mit dem Thema – mit Methoden, die modernen Ökonomen erschreckend naiv erscheinen. Zeitgemäße ökonometrische Ansätze, die bei der Evaluation von Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik zum Standard gehören, sind in der deutschen Kriminologie noch unüblich.
Ob die Resozialisierung in einigen Bundesländern besser oder schlechter funktioniere, lasse sich nicht untersuchen. Dabei gibt es zwischen den Bundesländern gewaltige Unterschiede im Strafvollzug. So beschäftigt Bayern pro 100 Häftlinge nur 42 Justizangestellte, Niedersachen dagegen 57. Dementsprechend weichen auch die Kosten pro Gefängnisplatz von einem Bundesland zum nächsten ab.
Die Gefängnisse sind auch unterschiedlich ausgelastet. „Welche Folgen all diese Unterschiede dafür haben, ob ein Häftling rückfällig wird, kann derzeit niemand beurteilen“, klagt der Frankfurter Ökonom. Er moniert zudem: „Eine Rechtfertigung der Länder über die in ihrem Strafvollzug verwendeten Steuereinnahmen wird nicht erbracht.“
Die Studie ist ein erster Versuch, ein wenig Licht in das Dunkel zu bringen. Herzstück ist eine in dieser Form einmalige Umfrage unter 1 800 Häftlingen in 30 verschiedenen Gefängnissen.
Die Interviews waren freiwillig und fanden schriftlich statt. „Wir haben uns mit den Häftlingen in Kleingruppen getroffen, oft in der Gefängniskirche oder in einem Gemeinschaftsraum“, erzählt Entorf.
Den mühsam entwickelten Fragebogen hatten die Forscher im Vorfeld ausführlich getestet, mehrfach verändert und in mehrere Sprachen – unter anderem in Türkisch, Russisch und Serbokroatisch – übersetzen lassen.
Genau dieselben Fragen stellten die Wissenschaftler auch 1 200 Bürgern, die nicht straffällig sind, um die Unterschiede erkennen zu können. Diese Kontrollgruppe war mit Blick auf die Altersstruktur, Bildung, Nationalität und Geschlechterstruktur genauso zusammengesetzt wie die Gruppe der Inhaftierten.
Schon bei den Rohdaten kristallisieren sich mehrere interessante Punkte heraus: Kriminell werden in erster Linie schlecht ausgebildete Männer aus zerrütteten Verhältnissen, die am Rande der Gesellschaft stehen.
So sind Inhaftierte wesentlich seltener verheiratet oder leben in einer eheähnlichen Beziehung. Zwei Drittel der Menschen hinter Gittern sind ledig, geschieden oder leben getrennt. In der „normalen“ Bevölkerung sind es noch nicht einmal ein Drittel.
Überproportional oft kommen Straftäter aus Großfamilien – mehr als 40 Prozent von ihnen haben drei oder mehr Geschwister. In der Kontrollgruppe sind es weniger als 25 Prozent. Einzelkinder geraten seltener auf die schiefe Bahn.
Bemerkenswert klar ist der Zusammenhang zwischen Gesetzestreue und Schulbildung eines Menschen. Ein Schulabbrecher wird mit einer dreimal so hohen Wahrscheinlichkeit straffällig wie eine ansonsten vergleichbare Person mit mittlerer Reife oder Abitur.
Zudem sind Häftlinge überproportional häufig überschuldet: 62 Prozent der Inhaftierten haben Schulden, zwei Drittel davon zudem noch Probleme bei der Rückzahlung, stellte Entorf fest. In der Kontrollgruppe dagegen waren nur 47 Prozent der Befragten verschuldet, gerade einmal 14 Prozent bereitete die Rückzahlung Probleme.
Den Glauben an die Resozialisierung von Kriminellen durch den Strafvollzug scheint die Mehrheit der Inhaftierten verloren zu haben. Zwei Drittel von ihnen sind der Meinung, dass der Strafvollzug Inhaftierte weder bessert noch von weiteren Straftaten abhält. Erstaunlich ist: Gesetzestreue Bürger sehen das dagegen deutlich anders – nur rund ein Drittel von ihnen ist ähnlich pessimistisch.
Artikel im Handelsblatt vom 01.04.08

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