Fachverband für Soziale Arbeit, Strafrecht und Kriminalpolitik

Dokumentation 22. DBH-Bundestagung

DBH-Materialien Nr.74
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DBH-Materialien Nr.75
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Fortbildungskalender DBH-Bildungswerk 2017 erschienen

Freie Straffälligenhilfe unter Veränderungsdruck

Die von der DFG geförderte Studie "Straffälligenhilfe unter Veränderungsdruck - Analyse neuer Entwicklungstendenzen in der Freien Straffälligenhilfe" hat Ihre Ergebnisse vorgelegt. Die Forschung wurde von Prof. Hans-Jürgen Kerner, Wolfgang Stelly und Jürgen Thomas vom Institut für Kriminologie an der Universität Tübingen durchgeführt.
Ziel der Studie ist es, die Veränderungsprozesse in der Freien Straffälligenhilfe der letzten 10 Jahre zu untersuchen. Analysiert werden die Veränderungsprozesse in Fallstudien der Freien Straffälligenhilfe in fünf deutschen Städten. Ausschlaggebend für die Auswahl der Fallstudien sind Unterschiede in der Qualität der Hilfsnetzwerke, der Trägerschaft, der Organisationsform und der Nähe zur Justiz. Bei den Fallstudien werden sowohl die einzelnen Institutionen der Freien Straffälligenhilfe analysiert, als auch das regionale Hilfsnetzwerk, in das die einzelnen Institutionen eingebettet sind. Den zweiten Teil der Untersuchung bildet eine quantitative repräsentative Befragung von Trägern und Einrichtungen der Freien Straffälligenhilfe in ganz Deutschland. Die repräsentative Befragung ermöglicht eine Beschreibung der Gesamtsituation der Freien Straffälligenhilfe und sie erlaubt auch eine Abschätzung der (quantitativen) Relevanz der in den Fallstudien ermittelten Veränderungsprozesse und Problemlagen. Der Analysefokus ist auf vier Bereiche gerichtet: 1. Veränderungen im Aufgaben- und Tätigkeitsprofil der Freien Straffälligenhilfe, 2. Veränderungen im Verhältnis der Akteure der (Freien) Straffälligenhilfe untereinander, 3. Veränderungen in der Arbeitsorganisation und 4. Veränderungen des Selbstverständnisses und der Leitbilder der Freien Straffälligenhilfe.
Studie Freie Straffälligenhilfe unter Veränderungsdruck, 2005 - 2008
Aus dem Projektbericht die Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse:
1. Die konkrete Ausgestaltung der Freien Straffälligenhilfe in Deutschland orientiert sich an lokalen und regionalen Bedingungen sowie an der An- bzw. Einbindung in größere Organisationszusammenhänge. Diese organisationsrelevanten Unterschiede haben eine sehr differenzierte Ausgestaltung der Freien Straffälligenhilfe zur Folge.
2. Ungeachtet der Diskussionen um den Rückzug des Sozialstaates und der Zurückdrängung des Resozialisierungsgedankens kam es in den zurückliegenden Jahren zu einem Ausbau des Hilfsangebots der Freien Straffälligenhilfe in Deutschland. Die Erweiterung des Hilfsangebots schlägt sich auch in einem Anstieg der hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen nieder.
3. Das Wachstum des Hilfsangebots relativiert sich aber deutlich, wenn man die Entwicklung der Klientenzahlen betrachtet. Die Zahl der Strafgefangenen und Bewährungshilfeprobanden, das Hauptklientel der Freien Straffälligenhilfe, hat nicht nur Ende der 90er Jahre stark zugenommen, sondern ist auch seit der Jahrtausendwende nochmals um ca. 15% angewachsen.
4. Der Ausbau des Tätigkeitsspektrums bei vielen Akteuren der Freien Straffälligenhilfe ist eine Möglichkeit auf den zunehmenden Kostendruck zu reagieren. Mit neuen Tätigkeitsfeldern werden neue Geldquellen aufgetan und mehr Finanzierungssicherheit (z. B. durch Aufteilung der Verwaltungskosten) erreicht.
5. Zu einem Ausbau kam es dabei nicht nur in den klassischen Betätigungsbereichen, sondern auch in neueren Aufgabenbereichen wie der Vermeidung von Ersatzfreiheitsstrafen durch gemeinnützige Arbeit, Anti-Gewalt- Training, ambulante Therapien für Sexualstraftäter, Täter-Opfer-Ausgleich, Projekte zur Intervention bei häuslicher Gewalt oder Opferbegleitung vor Gericht. Fasst man diese neueren Tätigkeitsbereiche der Straffälligenhilfe zusammen, so haben über drei Viertel der Einrichtungen mindestens eines dieser Angebote in ihrer Tätigkeitspalette.
6. Die These, dass durch die Übernahme von neueren Tätigkeitsbereichen, die mit Kontroll- und Berichtspflichten verbunden sind, sich das Selbstverständnis der Freien Straffälligenhilfe verändert, konnte so nicht bestätigt werden. Für Unterschiede im Selbstverständnis (z. B. „Dienstleister der Justiz“ oder „Anwalt der Straffälligen“ etc.) scheinen weniger die aktuellen Tätigkeitsprofile der Einrichtungen als vielmehr der Spezialisierungsgrad und die Verbandstraditionen von Bedeutung zu sein.
7. Obwohl der Zuwachs an ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen den Zuwachs an hauptamtlichen Mitarbeiter/innen bei weitem übersteigt, sieht nur eine kleine Minderheit der befragten Einrichtungen eine Konkurrenzsituation der beiden Beschäftigtengruppen. Die Befürchtung, dass ehrenamtliche Mitarbeiter hauptamtliche Mitarbeiter verdrängen, wird nur von jeder fünften Einrichtung geäußert.
8. Drei Viertel der Einrichtungen sind in lokale Kooperationsgremien und Netzwerke eingebunden, in denen Fragen der Straffälligenhilfe thematisiert werden. Dennoch wird bei der Frage nach Defiziten im Bereich der Straffälligenhilfe der Mangel an Vernetzung am häufigsten genannt (26%), gefolgt von Problemen bei der Finanzierung der Einrichtung (20%), der Wohnraumproblematik (13%) und Problemen bei der Arbeitsintegration (9%).
9. Durch die Privatisierung der staatlichen Straffälligenhilfe und die Übertragung neuer Aufgaben auf die Straffälligenhilfe und damit einhergehend neuer Finanzierungsquellen drängen neue Akteure in den Bereich der Straffälligenhilfe. Diese Entwicklung führt zu einer „Durchmarktung“ der Straffälligenhilfe.
10. Die Privatisierung der staatlichen Straffälligenhilfe führt nicht zu einem Verdrängungswettbewerb der etablierten Akteure der Freien Straffälligenhilfe. Sie führt jedoch zu einer Veränderung der über lange Jahre gewachsenen Arbeitsteilung und Ressourcenallokation in der Straffälligenhilfe.
Projektbericht 01/2009

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